Vom Stakeholder Requirement bis zu den Acceptance Criteria
Welche Requirement-Typen es gibt, wie sie sich auf SAFe abbilden lassen, mit welchem Format man
welche Ebene beschreibt und wie die Dekomposition nach unten läuft.
Eine Ebene tiefer heißt: konkreter, kleiner, näher an der Lösung. Alle Ebenen bis zur User
Story bleiben dabei implementierungsfrei — sie sagen, was gelten soll. Erst beim
System Element Requirement wird festgelegt, wie es gebaut wird.
ISO 29148 · Business Requirement (BRS)Business Goal Mission, Ziele, Opportunities
wird nicht zerlegtTrace-Ziel
BeispielDie Take-Rate der Infotainment-Premium-Option maximieren,
um die hohen lokalen Fertigungskosten auszugleichen.
Ein Business Goal hat Business Objectives — messbare Ziele, an denen
sich das Goal überprüfen lässt. Business Requirements haben keine Kinder:
Stakeholder Requirements werden nicht unter ihnen aufgehängt, sondern tracen auf
sie. Das Trace-Ziel ist das Business Objective des Business Goal; wo keine
Objectives ausformuliert sind, tracen die Anforderungen direkt auf das Goal. Dieser
Trace ist der Relevanz-Nachweis — keine Verbindung ⇒ Gold-Plating. Neben dem Business
Goal stehen gleichrangig Business Process Requirement, Operational Business
Requirement, Business Risk und die Business Constraints (Budget, Termin, Recht).
ISO 29148 · Stakeholder Requirement (StRS)Stakeholder Requirement SAFe: Epic
implementierungsfrei2–6 MonateStrategic Planning
BeispielAls Fahrer möchte ich während der Fahrt telefonieren,
so dass ich weiterfahren kann.
Bedürfnisse und Fähigkeiten, die Nutzer und Stakeholder verlangen. Bündelt
zusammengehörige Funktionalität und trägt Business Value. Bewusst grob — nicht
singular, nicht complete, bis sie verfeinert ist. Prüfung:
Validation („bauen wir das Richtige?“). Größenmaß: T-Shirt — S = 1 PI,
M = 1–2 PI, L > 2 PI, wobei PI = Program Increment, der Planungstakt von
8–12 Wochen bzw. 3–5 Sprints à 2–4 Wochen, in dem ein Feature fertig wird.
ISO 29148 · System Requirement (SyRS)System Requirement SAFe: Feature
implementierungsfrei · in der Domäne1 PI ≈ 8–12 WochenIncrement Planning
BeispielAls Fahrer möchte ich während der Fahrt eine Telefonnummer
wählen, so dass ich mit einem Gesprächspartner sprechen kann.
Implementierungsfreie Beschreibung dessen, was das System leisten muss. Mit
einem Release auslieferbar und verkaufbar. Muss bounded sein: vollständig in
genau einem Program Increment entwickelbar und testbar. Prüfung: Verification
(„bauen wir es richtig?“). Auf derselben Ebene liegen außerdem zwei Sonderfälle. Der
Architecture Enabler nimmt eine Developmental Quality auf: technische Arbeit,
die nach außen nichts ändert. Und das Operational Feature: Betrifft eine
Operational Quality nur ein Feature, wird sie dessen Acceptance Criterion — betrifft
sie mehrere, gehört sie an keines von ihnen und bekommt deshalb ein eigenes Feature.
Das ist unser Vorschlag, ausdrücklich anders, als SAFe es nahelegt.
kein Pendant in ISO 29148User Story
implementierungsfrei1 Sprint · 2–4 Wochen
BeispielAls Fahrer möchte ich während der Fahrt die Telefonfunktion
und die Wähloption auswählen, so dass ich anschließend eine Rufnummer eintippen kann.
ISO 29148 kennt zu dieser Ebene kein Pendant. Die
User Story ist eine SAFe-Ebene und beschreibt weiterhin, was der Nutzer tun
können soll — nicht, wie es gebaut wird. Die Regel, die sie tragfähig hält: eine User
Story soll die Subsysteme spannen und Nutzerinteraktion beschreiben, statt
komponentenspezifisch zu werden („CAN-Message-Matrix-Layer aktualisieren“ wäre der
Fehler, der den Wert verliert).
ISO 29148 · System Element Requirement System Element Requirement SAFe: Implementation Task
implementierungsgebundenaußerhalb des Kursumfangs
BeispielDer Dialer-Service soll die eingegebene Rufnummer vor der
Übergabe an den Telefonie-Stack nach E.164 normalisieren.
Hier beginnt der Lösungsraum. Die technische Spezifikation für Software,
Hardware und deren Schnittstellen — das Wie statt des Was. Auf
derselben Ebene liegt das Sub-System Requirement, das manche Organisationen
zusätzlich führen und weiter zerlegen. Der Kurs endet eine Ebene darüber.
Die beiden Modelle nebeneinander
Business Requirement Goal mit Objectives
Stakeholder Requirement SAFe: Epic
System Requirement SAFe: Feature
User Story nur in SAFe
System Element Requirement SAFe: Implementation Task
Quality Operational Quality, Quality Scenario
Constraint nicht verhandelbar
Enabler technische Arbeit
Das Badge markiert alles, was weder in SAFe noch in ISO 29148
steht, sondern unser Vorschlag ist.
Ansicht
02
Die Artefakte und ihre Attribute
Stakeholder RequirementEpic
Das Bedürfnis eines Nutzers oder Stakeholders — grob, gebündelt, wertorientiert.
Attribute
Title
Kurzname
Owner
verantwortet die Realisierung
Source
hat die Anforderung eingebracht; mit ihr wird geklärt
Description
siehe Format unten
Estimate
T-Shirt: S = 1 PI · M = 1–2 PI · L > 2 PI
Business Outcome
Bezug zum Business Goal, falls es Business Goals gibt
Leading Indicators
Bezug zu den Business Objectives des referenzierten Business Goal, falls es welche gibt
… ohne Goals
Gibt es weder Business Goals noch Objectives, gehören Outcome und Leading Indicators trotzdem beschrieben — sonst fehlt die Begründung, warum die Anforderung überhaupt gebaut wird
Format
funktional → User-Story-Format Quality → Requirements-Sentence-Format in Ausnahmen auch funktional als Requirements Sentence
Trace
auf ein Business Objective
Elaboration
funktional → ein grober Elaboration Use Case Quality → Quality Scenarios, typischerweise 6–7
System RequirementFeature
Ein abgegrenzter Systembeitrag, der in genau ein PI passt und ausgeliefert werden kann.
Attribute
Title
Kurzname
Severity
must · should · nice-to-have. Wer mag, führt sie zusätzlich als KANO-Kategorie — die beiden Achsen decken sich oft, aber nicht immer: eine gesetzliche Auflage ist „must“, im KANO-Sinn aber häufig indifferent.
Description
siehe Format unten
Problem Statement
welches Problem heute besteht und hier gelöst wird
Benefit/Value
wer bekommt welchen Nutzen
Acceptance Criteria
der eigene Acceptance Use Case
… darin
Dependencies (setzt ein anderes Feature voraus oder ersetzt es) und
die zugehörigen Operational Qualities gehören in den Description-Block
Format
User-Story-Format
Entsteht aus
Success Scenario, Alternative Flow oder Variation des Elaboration Use Case
User StorySprint-Item
Eine einzelne Nutzerinteraktion aus den Acceptance Criteria des Features, in einem Sprint machbar.
Attribute
Title
Kurzname, optional
Description
siehe Format unten
Acceptance Criteria
ein oder mehrere GWT-Statements
Feature Parent
Link auf das Feature, aus dem sie geschnitten wurde
Format
User-Story-Format
Merke
Ein Feature darf auch auf genau eine User Story abgebildet werden. Das
Entwicklungsteam darf auf Ausarbeitung bestehen und setzt darauf seine
„Definition of Ready“.
Use Casenach Cockburn
Der strukturierte Interaktionsablauf. Zwei völlig verschiedene Rollen, je nachdem wo er hängt.
Attribute
Name
Name des Use Case
Actors
beteiligte Akteure
Trigger
was den Ablauf auslöst
Preconditions
was vorher gelten muss
Postconditions
was danach gilt
Success Scenario
die Schritte der Interaktion
Alternative Flows
Abweichungen und Error Cases, nummeriert am Schritt
Am Stakeholder Req.
Elaboration Use Case — genau einer, dafür grob: der ganze Ablauf mit Alternativen und Variationen
Am System Req.
Acceptance Use Case — enger gefasst, je Feature einer. Braucht ein Feature zwei, ist es meist noch nicht bounded.
GWT-StatementGiven-When-Then
Das testbare Acceptance Criterion einer User Story — Vorbedingung, Aktion, erwartete Änderung.
Attribute
Given
Zustand, bevor das Verhalten beginnt
When
die spezifizierte Aktion
Then
die erwartete Änderung
Gehört zu
einer User Story, 1..n je User Story
Merke
User Stories bekommen GWT, keine Use Cases. Das GWT speist direkt den Testfall.
Quality ScenarioOperational Quality
Bricht eine Operational Quality so weit herunter, dass sie messbar und damit verhandelbar wird.
Attribute
Source of Stimulus
wer oder was löst aus
Stimulus
welches Ereignis
Artifact
welches Element ist betroffen
Environment
welcher Betriebszustand
Response
wie soll reagiert werden
Response Measure
wie wird die Reaktion gemessen
Stimulus
ein einzelnes Feature bzw. eine User Story, eine ganze Feature-Menge, oder deren Error Cases
Faustregel
6–7 Szenarien, um eine Quality wirklich zu verstehen
Merke
Bei metrischen Werten ein Wertebereich, keine harte Einzelzahl.
Constraintschränkt den Lösungsraum ein
Eine bereits getroffene Entscheidung, die den Lösungsraum begrenzt — kein Verhalten, das das System zeigt.
Arten
Budget
verfügbare Mittel
Termin
fixe Zeitpunkte, Marktfenster
Recht
Gesetze, Normen, Richtlinien
Technologie
gesetzte Plattform, Sprache, Wiederverwendung
Design
physische und gestalterische Vorgaben
Organisation
Standorte, Lieferanten, Prozesse
Format
Requirements-Sentence-Format mit „will“ — der Constraint
stellt eine Tatsache oder gesetzte Absicht fest und fordert kein Systemverhalten
(„shall“ / „should“) ein.
Einordnung
Nach ISO 29148 und IREB ist der Constraint eine der drei
Requirement-Klassen — das verschweigen wir nicht. Wir behandeln ihn trotzdem gesondert:
er ist nicht verhandelbar, wird nicht dekomponiert und bekommt keine Acceptance
Criteria. Damit fehlt ihm das, was eine Anforderung ausmacht — er ist eine gesetzte
Entscheidung, kein ausgehandelter Bedarf.
Enablernicht nutzersichtbar
Technische Arbeit ohne unmittelbaren Nutzerwert — Vorarbeit, die Features
erst möglich macht, und gezielte technische Verbesserung des Bestehenden.
Wofür
Vorarbeit
schafft die Voraussetzung für kommende Features
Verbesserung
hebt eine Developmental Quality — Modularität, Testbarkeit,
Wartbarkeit, Wiederverwendbarkeit — ohne dass sich nach außen etwas ändert
Architecture Enabler
der Enabler auf System-Requirement-Ebene: Sein Ergebnis ist
eine Architekturentscheidung — er verändert die Sys-, SW- oder HW-Architektur, nicht das
Verhalten nach außen
Enabler Story
auch Enabler Task — auf Sprint-Ebene, neben den User Stories unter einem Feature
Verantwortung
System-/Software-Architekt und Entwicklungsteam
Die sechs Arten von Benefit/Value
Das Feld Benefit/Value am System Requirement ist die Stelle, an der über Umsetzung,
Priorisierung und Release-Zuordnung entschieden wird. Es gibt sechs wiederkehrende Muster —
zwei davon sind direkt KANO-Kategorien.
Art
Worin der Wert liegt
Increase revenue
Neue oder erweiterte Features, für die Kunden nachweislich zu zahlen bereit sind — auf
Anfrage mehrerer Kunden oder eines großen Kunden.
Save time / avoid costs
Jede Sekunde, die eine typische Transaktion kürzer wird, spart im Call-Center Agenten
und damit Geld.
Improve service qualityKANO Performance
Bestehende Fähigkeiten verbessern. Bessere Videoqualität ist kein neues Feature, hat
aber Wert: mehr Kunden bleiben, wenn die Gesprächsqualität steigt.
Meet regulations
Vorgeschriebenes, etwa eine „Do Not Call“-Liste. Nicht verhandelbar, unabhängig vom
Zufriedenheitsgewinn.
Build reputationKANO Delighter
Sichtbarkeit im Markt und Markenbildung, etwa eine kostenlose Demo-Version — indirekt
ebenfalls Umsatz.
Generate information
Wir als Anbieter oder der Nutzer selbst braucht bessere Information für eine
Entscheidung — etwa ein A/B-Test.
03
Die Formate — welches wofür
Welches Format auf welcher Ebene gilt, sagt weder SAFe noch ISO 29148 — die Zuordnung unten
ist unser Vorschlag. Sie ist keine Geschmacksfrage: sie folgt daraus, ob hinter der Anforderung ein
Nutzer mit einem Wert steht (User-Story-Format) oder eine Systemeigenschaft
(Requirements-Sentence-Format) — und auf welcher Ebene sie steht.
Format der Description
Wird verwendet für
Beantwortet
Prüffrage
User-Story-Format
Stakeholder Requirement funktional · SAFe: Epic
System Requirement funktional · SAFe: Feature
User Story
Wer? Was? Warum?
Gibt es einen benennbaren Nutzer und einen Wert für ihn?
Requirements-Sentence-Format
Stakeholder Requirement Operational Quality
Constraint
Was muss das System unter welcher Bedingung tun?
Ist die Verbindlichkeit explizit — shall, should oder will?
Use-Case-Format
Elaboration Use Case am Stakeholder Requirement · SAFe: Epic
Acceptance Use Case am System Requirement · SAFe: Feature
Wie interagieren Nutzer und System Schritt für Schritt?
Erklärt das Success Scenario einem neuen Nutzer die Anforderung?
GWT-Format
Acceptance Criteria der User Story
Ausgangszustand, Aktion, erwartete Änderung
Ist daraus direkt ein Testfall ableitbar?
Quality-Scenario-Format
Ausformulierung einer Operational Quality
Wer löst was aus, an welchem Artefakt, in welchem Zustand — und was ist die messbare Reaktion?
Ist das Response Measure wirklich messbar, und als Bereich formuliert?
User-Story-Format — Value Focus
Als ein <Rolle / Typ von Nutzer>
möchte ich <dies tun>,
so dass <ich dieses Ziel erreiche>.
Beispiel: Als Fahrer möchte ich Anrufe über das Infotainment-System
einleiten, so dass ich die Hände am Lenkrad behalten kann.
Zu grob — das ist ein Epic, kein Feature:
Als Fahrer möchte ich unterwegs telefonieren, so dass ich weiterfahren kann. Ein Bündel von
Funktionalität, das erst über den Use Case in abgegrenzte Features zerfällt.
Requirements-Sentence-Format — System Focus
[Condition] · Subject · Imperative · Action · Object · [Constraint]
Condition optional — Trigger oder Kontext ("when", "while", "within")
Subject das konkrete System oder der Akteur
Imperative shall = verbindliche Anforderung
should = Ziel oder Empfehlung, nicht bindend
will = Tatsachenfeststellung oder gesetzte Absicht → Constraints
Action das beobachtbare Verhalten
Object das Objekt der Handlung
Constraint optional — Performance- oder Qualitätskriterium
Operational Quality: Das Infotainment-System shall weniger als 5 W
Leistung aufnehmen, when die Zündung ausgeschaltet ist.
Constraint mit „will“: Das Infotainment-System will die im Fahrzeug
vorhandene CAN-Bus-Schnittstelle nutzen. — Eine gesetzte Technologieentscheidung, kein
gefordertes Verhalten.
Use-Case-Format (nach Cockburn)
Vorlage
Name <Name des Use Case>
Actors <beteiligte Akteure>
Trigger <was den Ablauf auslöst>
Preconditions <was vorher gelten muss>
Postconditions <was danach gilt>
Success Scenario <1..n Schritte der Interaktion>
Alternative Flows <Abweichungen und Error Cases, nummeriert am Schritt>
Beispiel Infotainment
Name Make a Call
Actors User, Call Partner
Trigger User indicates call wish
Preconditions Phone connected, idle
Postconditions idle
Success Scenario 1. User dials number
2. System establishes call
3. Call partner accepts
4. User and partner talk
5. User hangs up
Alternative Flows 2a. Call cannot be established → 3a. "Network error"
2b. Partner's line is busy → 3b. "busy"
2c. Partner rejects the call → 3c. "rejected"
Quelle: Alistair Cockburn, Writing Effective Use Cases.
GWT-Format — Acceptance Criteria der User Story
Given der Zustand der Welt, bevor das Verhalten beginnt (Vorbedingung)
When das Verhalten / die Aktion, die spezifiziert wird
Then die erwartete Änderung als Folge dieser Aktion
Beispiel:Given das System läuft in einer anderen Funktion als
Telefonie, when der Fahrer die Telefonoption wählt, then kann er unmittelbar
danach eine Rufnummer eintippen.
Quality-Scenario-Format — sechs Teile
Vorlage
Source of Stimulus wer oder was löst aus (intern / extern)
Stimulus WHEN welches Ereignis (periodisch / stochastisch / sporadisch)
Artifact welches Element ist betroffen (System, Komponente, Speicher, Kommunikation)
Environment GIVEN welcher Betriebszustand (Normal / Peak / Overload / Degraded / Wartung)
Response THEN wie soll das Element reagieren
Response Measure wie wird die Reaktion gemessen (Latency, Deadline, Jitter, Throughput,
Miss Rate, Repair Time, Verfügbarkeitsrate)
Beispiel Telemedizin — Performance unter Normal Load
Source of Stimulus Intern
Stimulus Periodisches Ereignis: Patienten-Gesundheitsdaten alle 60 s
Artifact System
Environment Normal Load
Response Daten persistieren, potenziellen Notfall erkennen
Response Measure Persistenz: Latenz 1–10 s, Jitter < 1 s · Notfallerkennung: Latenz 2–5 s
Zweites Szenario derselben Quality — Notfallmeldungen, hier unter Normal Load
Source of Stimulus Intern
Stimulus Stochastisches Ereignis: Notfall für 75.000 Geräte innerhalb 10 s
Artifact System
Environment Normal Load
Response Notfall persistieren, Rettungsdienst informieren
Response Measure Persistenz: Latenz 1–10 s · Rettungsdienst informieren: Latenz 10–20 s
Dasselbe Szenario unter Overload — Environment, Ereignismenge und Measure verschieben sich gemeinsam
Stimulus Stochastisches Ereignis: Notfall für > 125.000 Geräte innerhalb 10 s
Environment Overload
Response Measure Persistenz: Latenz 1–30 s · Rettungsdienst informieren: 60–120 s
Miss Rate: darf überhaupt ein Notfall verloren gehen?
Die drei Teile, auf die es ankommt
Environment ist der Hebel: dieselbe Quality wird unter Normal Load,
Peak Load und Overload unterschiedlich streng — erst dadurch wird sie verhandelbar statt utopisch.
Artifact stellt scharf, worauf sich die Quality bezieht: das Gesamtsystem, ein
Prozess, der Speicher, die Kommunikationsstrecke.
Response Measure ist die Brücke zur Testbarkeit. Ein Response ohne Measure ist
eine Absichtserklärung.
04
Dekomposition — wie man nach unten kommt
Der Use Case ist das Werkzeug, das aus einem groben Stakeholder Requirement mehrere
abgegrenzte Features macht. Nicht raten, sondern ableiten: jeder Pfad des Use Case ist ein
Kandidat für ein eigenes Feature.
Das Vorgehen in fünf Schritten
Stakeholder Requirement prüfen. Steht ein Nutzer mit einem Wert dahinter? Dann
User-Story-Format. Sonst Requirements-Sentence-Format. Und: Auf welches Business Objective
traced es?
Den groben Use Case schreiben — einen je Stakeholder Requirement: komplettes
Success Scenario, die Alternative Flows und die Error Cases.
Features ableiten — aus dem Success Scenario, aus jedem Alternative Flow, aus jeder
Variation. Jedes abgeleitete Feature muss in ein PI passen und wird auf den Schritt bzw.
Flow zurückgemappt, aus dem es stammt.
Je Feature einen eigenen, engeren Use Case als Acceptance Criteria schreiben —
Interaktion, kein UI-Design. Auf bereits vorhandene Bedienelemente darf man sich
dabei beziehen („über die Tasten am Lenkrad“); neue zu entwerfen ist Sache der
Umsetzung.
Features in User Stories schneiden — je eine oder mehrere Interaktionen aus diesen
Acceptance Criteria — und je User Story GWT-Statements formulieren.
05
System Boundaries
Spätestens bevor die ersten System Requirements geschrieben werden, muss die Grenze stehen:
Was gehört zum System, was ist Nachbar — und welche Schnittstellen liegen dazwischen? Ohne
diese Antwort schreibt man Anforderungen an etwas, dessen Umfang niemand kennt.
Was hineingehört: das System als eine Black Box, die Akteure und die
Nachbarsysteme.
Wozu: Die Black Box legt den Umfang fest — alles außerhalb ist gegeben.
Nebenprodukt: Schnittstellen, deren Verhalten unklar oder fremdbestimmt ist, sind
die technischen Risiken — sie gehören markiert, solange der Zuschnitt noch änderbar ist.
06
Domain Model
Ein Bild der Begriffe: Entitäten mit ihren Attributen und den Beziehungen dazwischen —
ausdrücklich kein UML. Es dient der gemeinsamen Sprache und deckt dabei verlässlich
Anforderungen auf, die im Text niemand aufgeschrieben hatte.
Wann wir modellieren — und mit wem
Zeitpunkt
Mit wem
Wozu
Bei den Stakeholder Requirements
Kunde und Nutzer
Gemeinsame Sprache und Glossar — bevor über Anforderungen gestritten wird, wird über Begriffe geeinigt.
Bei den System Requirements
Product Owner, Product Manager
Klärung und Ableitung: das Modell deckt Zustände, Sonderfälle und fehlende Anforderungen auf. Oder es dient der Klärung von Anforderungen und der Beseitigung von Unklarheiten bzw. Ungereimtheiten.
In Architektur und Umsetzung
Product Owner, Architekt, Entwicklungsteam
Keine weitere Ableitung mehr — das Modell wird in der Software gespiegelt.
07
Klassifikation und was sie steuert
Ein Requirement ist entweder
funktional oder eine Quality; Qualities teilen sich in Operational Qualities (extern, vom
Nutzer erlebbar) und Developmental Qualities (intern). Die Kategorie entscheidet über das Format und über das
weitere Refinement.
Kategorie
Auch bekannt als
Format
Wird verfeinert durch
Prüfung
Functional
Functional Requirement
User-Story-Format
Use Case → System Requirements (Features) → User Stories → GWT
Die ISO-29148-Kriterien greifen auf dieser Ebene nur teilweise: ein Stakeholder Requirement ist
per Konstruktion ein Bündel, also weder singular noch complete, und noch
nicht verifizierbar. SMART passt besser — aber auch davon sind
nur zwei Kriterien hier wirklich anwendbar:
SMART
ISO 29148
Was auf Stakeholder-Ebene tatsächlich gilt
Specificanwendbar
Unambiguous / Singular
Das User-Story-Format erzwingt wer, was, warum und drängt
vage Formulierungen heraus. Hier lässt sich die Anforderung sofort prüfen und verbessern.
Relevantanwendbar
Necessary
Ist die Anforderung auf ein Business Objective getraced? Wenn nein: Gold-Plating.
Ebenfalls sofort und ohne Refinement entscheidbar.
Measurable
Verifiable
Auf dieser Ebene nicht testbar. Messbar nur in dem indirekten Sinn, dass
bestimmte System Requirements erfüllt sein müssen.
Attainable
Feasible
Der Realitätscheck kommt erst beim Refinement zu System Requirements und tiefer.
Time-bound
— in ISO nicht enthalten
Ergibt sich erst aus dem Estimate: passt es nicht in Sprint bzw. Increment, muss
geteilt werden.
Warum Stakeholder Requirements die ISO-Kriterien reißen — und das in Ordnung ist
Complete / Singular: ein Bündel von Funktionalität. Wird erst durch Refinement singular und vollständig.
Unambiguous: von Natur aus breit. Die Mehrdeutigkeit wird durch das Refinement zu System Requirements aufgelöst, nicht durch Umformulieren auf dieser Ebene.
Hier weichen wir am deutlichsten von beiden Standards ab. SAFe hängt Qualities als NFR in die
Acceptance Criteria; ISO 29148 führt zwar einen Quality-Typ auf System-Ebene, führt ihn aber
nicht weiter aus. Beides trägt nicht, sobald eine Quality mehrere Features betrifft — und das
ist der Normalfall.
Die Regel, wann was gilt
Genau ein betroffenes Feature — kopieren ist in Ordnung. Die Quality gehört in
die Acceptance Criteria dieses einen Features, so wie SAFe es vorsieht.
Mehrere betroffene Features oder User Stories — die Operational Quality wird ein
eigener Typ, aufgebrochen in Quality Scenarios, die von den betroffenen Features und User
Stories referenziert werden.
Der Test: Müsstest du beim Ändern eines Wertes an mehr als einer Stelle suchen,
war Kopieren die falsche Entscheidung.
Woher die Abweichung kommt
Modell
Was es zu Qualities sagt
Wo es nicht trägt
SAFe
NFRs werden als Acceptance Criteria an Features und User Stories gehängt; sie
beschränken die Features, sind aber selbst keine.
Betrifft eine Quality mehrere Features, wird ihre Beschreibung in jedes davon
kopiert.
ISO 29148
Auf System-Requirement-Ebene existiert der Typ Quality neben
Functional und Constraint.
Wie eine Quality konkret und prüfbar wird, führt die Norm nicht aus.
Unser Vorschlag
Operational Quality als eigener Typ, aufgebrochen in Quality Scenarios nach der
6-teiligen Vorlage — referenzierbar aus Features und User Stories.
Setzt voraus, dass das Werkzeug Referenzen auf mehrere Ziele führen kann.
09
KANO — die zweite Klassifikation
Functional / Operational Quality / Developmental Quality sagt, welcher Art eine
Anforderung ist. KANO sagt etwas völlig anderes: was ihre Erfüllung mit der Zufriedenheit
des Kunden macht. Beide Achsen gelten gleichzeitig — ein funktionales Requirement kann
Basic, Performance, Delighter oder Indifferent sein.
Jede Kurve zeigt, wie die Zufriedenheit steigt, wenn dieselbe Anforderung von „gar nicht“
nach „voll umgesetzt“ wandert. Basic beginnt ganz unten und sättigt, ohne je
Zufriedenheit zu erzeugen · Performance läuft linear durch den Ursprung ·
Delighter startet dicht an der Null — Fehlen stört praktisch niemanden — und steigt dann steil.
Der Decay-Pfeil zeigt, wie ein Feature über die Zeit vom Delighter durch Performance
hindurch zu Basic absackt.
Die vier Kategorien
Kategorie
Wenn vorhanden
Wenn sie fehlt
Beispiel Smartphone
Basic / Must-be Foundation
hebt die Zufriedenheit nicht — Kunden setzen es voraus
kaum Wirkung — investierte Ressourcen sind verschwendet
kaum Wirkung
vorinstallierte Apps, die niemand benutzt
KANO als Suchwerkzeug, nicht nur als Etikett
Angewandt wird KANO vor allem auf Stakeholder- und System Requirements. Der
eigentliche Nutzen liegt nicht nur im Einsortieren des Vorhandenen, sondern auch im Finden des
Fehlenden. Zum Beispiel sollte ein neues Produkt Delighter-Requirements umsetzen, die
wiederum zu bestimmten Business Goals/Objectives beitragen. Umgekehrt wird ein bestehendes
Produkt mehrere Performance-Requirements mit weiteren Versionen umsetzen. Falls zu
wenige geplant und umgesetzt sind, könnte die neue Version wenig Anklang bei Kunden und
Benutzern finden.
Was die Kategorie für die Arbeit bedeutet
Basic: keine Priorisierungsdiskussion. Fehlt es, ist das Produkt kaputt — der
Aufwand ist zu leisten, nicht zu verhandeln.
Performance: gehört in ein Quality Scenario mit Response Measure. „Mehr ist
besser“ wird erst steuerbar, wenn ein Wertebereich dransteht.
Delighter: braucht den Trace auf ein Business Objective, sonst ist er nicht von
Gold-Plating zu unterscheiden.
Indifferent: streichen. Die einzige Kategorie mit einer eindeutigen
Handlungsempfehlung.
10
Format-Finder für die Description
Ebene und Klassifikation wählen — heraus kommt das Format, der Refinement-Weg und die
Attributvorlage.
Artefakt
Format der Description
Bezug nach oben
Acceptance Criteria
Attribute
Merke
11
Struktur & Ableitung auf einen Blick
Woher jedes Artefakt kommt, woran es hängt, womit es abgenommen wird und in welchem Zeitrahmen
es fertig sein soll.
Artefakt
Entsteht aus
Bezug nach oben
Acceptance Criteria
Zeitrahmen
Stakeholder Requirement SAFe: Epic
Kundenwunsch, Marktanforderung, Standards und Regularien
traced auf ein Business Objective
funktional: Elaboration Use Case · Quality: Quality Scenarios beides keine Acceptance Criteria
2–6 Monate
System Requirement SAFe: Feature
Success Scenario · Alternative Flow · Variation des Stakeholder-Use-Case
gehört zum Stakeholder Requirement, aus dessen Use Case es abgeleitet wurde
eigener, engerer Use Case
1 PI, 8–12 Wochen
User Story
eine oder mehrere Interaktionen aus den Acceptance Criteria des Features
Feature Parent
1..n GWT-Statements
1 Sprint, 2–4 Wochen
Quality Scenario
einer Operational Quality, angewandt auf eine Feature- oder User-Story-Menge
die Operational Quality; zusätzlich die Features/User Stories, die den Stimulus bilden